1917 – Die Ästhetik des GrauensLesedauer ca. 3 Minuten

© Universal Motion Pictures

Es ist ein Moment der Ruhe, in welchem die britischen Soldaten Schofield (George MacKay) und Blake (Dean-Charles Chapman) ihre Reise beginnen. Während ihrer kurzen Pause außerhalb des Schützengrabens werden sie unterbrochen und zu ihrem zuständigen General geschickt, um eine wichtige Nachricht zu übermitteln. Diese befiehlt ihren Kameraden einen bevorstehenden Angriff abzusagen, da sie andernfalls direkt in eine Falle der Deutschen Armee geraten würden. Nun müssen die beiden tief ins Feindesland vordringen, um 1600 Soldaten vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Der Regisseur Sam Mendes behandelt in seinem jüngsten Film 1917 den auf der Leinwand eher seltener gesehenen 1. Weltkrieg. Dafür gewinnt er nicht nur namhafte Schauspieler, wie Benedict Cumberbatch und Colin Firth. Die beiden Hauptdarsteller, allen voran Dean-Charles Chapman, mit seinem jugendlichen Gesicht, spielen ihre Rollen so großartig, dass man beinahe denken könnte sie seien durch die Zeit gereist.

Außerdem nutzt er eine dieser Tage an Popularität gewinnende Kameraführung, welche mit kaum erkennbaren Schnitten den Film wie einen One-Shot aussehen lässt. Die gesamte Geschichte ist in Echtzeit gedreht und packt den Zuschauer somit von der ersten bis zur allerletzten Sekunde. Es werden nur vereinzelt digitale Effekte verwendet und man setzt stattdessen auf eine unglaublich aufwendige Kulisse, welche die Grenze zwischen Film und Realität verblassen lässt. Die Handlung beruht auf Briefen der Zeitzeugen, tatsächlichen Geschehnissen des Krieges und Erzählungen seines Großvaters (Alfred Mendes). All diese Faktoren machen 1917 nicht nur zu einem handwerklich hervorragenden Film, sondern zu einem fesselnden Erlebnis. Besonders geschichtsinteressierte Kinogänger wie ich, werden dem Film viel Aner-kennung schenken.

Es sind die Details, die dem Film in meinen Augen seine Größe verleihen: Soldaten, die Telegrafenleitungen verlegen; Beschriftungen von Schildern, welche die Gräben benennen oder auch Soldaten aus den Kolonien in den Reihen der Britischen Armee. Das sogenannte Niemandsland jedoch hat mir vollends den Atem geraubt. Dieses stellt einen Abschnitt zwischen den Fronten dar, an dem sich die Soldaten vor über 100 Jahren verirrten und nie wieder von dort zurückfanden. Weshalb, zeigt der Film unmissverständlich mittels trostloser Landschaften, welche von verwesenden Pferdekadavern, rostigem Stacheldraht und Kratern der Artillerieeinschläge übersäht sind. Landschaften deren Wiesen faule Körper sind, reichen bis zum Horizont. Jegliche natürliche Vegetation ist hier der menschlichen Materialschlacht gewichen. Wie jene Landstriche derart verwüstet wurden, erklärt sich im letzten Akt, als Hundertschaften von jungen Männern aus ihren Gräben dem Feind entgegenstürmen und von riesigen Explosionen niedergeschmettert werden. Man ahnt schon, dass sie nur den Tod, doch nie den Sieg erreichen werden.

Ich verließ den Kinosaal nachdenklich und 1917 beschäftigte mich noch tagelang. Mein Urgroßvater kämpfte an beiden Fronten in dem „Krieg der alle Kriege beendet“. Nun verstehe ich warum er ihn so nannte.

Über den*die Autor*in
Richard Kummer
Redakteur -

Richard ist Redakteur der KoZ und seit der ersten Stunde Feuer und Flamme für dieses Projekt.

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