Inklusion geht und alle an.

Internationaler Tag der Menschen mit BehinderungLesedauer ca. 5 Minuten

Letzte Woche, am 3. Dezember war der internationale Tag der Menschen mit Behinderung. Natürlich war das nicht immer so.

Die Vereinten Nationen haben diesen Tag im Jahr 1993 zum ersten Mal ausgerufen. Es ist ein Gedenk- und Aktionstag, der das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Probleme von Menschen mit Behinderung wachhalten soll. Die nach dem zweiten Weltkrieg verkündete allgemeine Erklärung der Menschenrechte initiierte eine bis heute anhaltende Entwicklung, in der sich viele Minderheiten mehr und mehr Rechte erkämpfen und unserer Gesellschaft dadurch ein menschlicheres Antlitz schenken.

Auch die Menschen mit Behinderung erkämpften sich seitdem mehr Rechte. So gab es eine Reihe von Erklärungen und Programme die sich in der Behindertenrechtskonvention (BRK) von 2006 bündelten. In Artikel 1 Satz 1 BRK heißt es: „Zweck dieses Übereinkommens ist es, den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern.“ Dem werden nur sehr Wenige widersprechen. Und diese Übereinkunft wurde im Vergleich zu anderen sehr schnell von fast allen Staaten ratifiziert.

Aber auch das war nicht immer so. Im Nationalsozialismus galten Menschen mit Behinderung als „lebensunwertes Leben“. Vor 80 Jahren im Oktober 1939, also kurz nach dem Überfall auf Polen verfügte Hitler die sogenannte Euthanasie-Ermächtigung:

„Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankenzustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“ Das ist der einzige von Hitler jemals persönlich unterzeichnete Auftrag zur Menschenvernichtung. Damit wurde die Ausrottung geisteskranker und behinderter Kinder auch auf erwachsene Patient*innen ausgeweitet. Über 200.000 Menschen mit Behinderung wurden im Nationalsozialismus systematisch ermordet.

Glücklicher Weise ist diese Zeit vorbei. Seitdem gibt es Anstrengungen die Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft zu inkludieren. Abgeschlossen ist dieser Prozess aber bei weitem nicht. Die deutsche Umsetzung der BRK ist das Bundesteilhabegesetz (BTHG) vom Dezember 2016. Es soll in vier Stufen den Menschen mit Behinderung eine bessere Teilhabe und Selbstbestimmung ermöglichen. Die dritte Stufe wird im Januar 2020 und die vierte 2023 verabschiedet.

Doch dieses Gesetz hat zu massiven Protesten von Menschen mit Behinderung und deren Verbände geführt, weil es die Situation der Menschen mit Behinderung zwar stellenweise verbessert, an vielen anderen Stellen aber deutlich verschlechtert.

Der Paritätische Gesamtverband stellte noch vor Einführung des Gesetzes fest: „Die Selbstbestimmungsrechte der Menschen mit Behinderung werden begrenzt statt ausgebaut.“ So ist es beispielsweise so, dass ein Mensch mit Behinderung, der auf eine Assistenz angewiesen und damit Sozialhilfeempfängerin ist, nur einen Teil seiner*ihrer Erwerbseinkünfte behalten darf, im schlimmsten Fall sind das 40% des Bruttoeinkommens bei einem Freibetrag von 260 Euro zzgl. Miete. Immerhin wurde 2017 der Schonbetrag für Barvermögen von 2.600 Euro auf 27.600 Euro erhöht.

Es gibt die Möglichkeit für Menschen mit Behinderung in Werkstätten für behinderte Menschen einer Beschäftigung nachzugehen, jedoch nur für diejenigen, „die in der Lage sind, wenigstens ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung zu erbringen“, so die fragwürdige Formulierung im BTHG. Doch werde ich den Eindruck nicht los, dass es sich bei diesen Werkstätten um den Versuch handelt, Menschen mit Behinderung aus dem Sichtfeld der übrigen Gesellschaft zu verbannen. Fast 10% der Menschen in Deutschland haben eine Behinderung. Bei so einem großen Bevölkerungsanteil müsste man doch viele Menschen mit Behinderung kennen. Ich kenne nur einige wenige.

Ein*e jede*r von uns könnte jederzeit durch eine Krankheit oder einen Unfall selbst eine Behinderung erleiden.

Liegt das an mir? Oder ist es so, dass wir es ganz bequem finden, mit diesem Thema nicht allzu oft belästigt zu werden?

Nur 3% der Behinderungen waren angeboren beziehungsweise traten im ersten Lebensjahr auf. Ein*e jede*r von uns könnte jederzeit durch eine Krankheit oder einen Unfall selbst eine Behinderung erleiden. Doch anstatt, dass wir uns bemühen wenigstens aus dieser Tatsache heraus, unsere Empathie zu entfesseln und die Menschen mit Behinderung in die Mitte unserer Gesellschaft aufzunehmen, klopfen einige von uns heuchlerische Sprüche wie: „Alle Achtung, wie die das schaffen! Ich könnte so nicht leben.“ Das sollte man jeden Betroffenen selbst entscheiden lassen und sich nicht anmaßen jetzt schon zu wissen, wie man mit dieser Situation umgehen würde.

Über den*die Autor*in
Georgios Lambrou
Redakteur -

George ist Redakteur der KoZ und seit der ersten Stunde Feuer und Flamme für dieses Projekt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.