SiebenundvierzigLesedauer ca. 5 Minuten

Wenn man sich einmal informiert hat, gibt es kein Zurück mehr. Kein Zurück zu einer unwissenden Vergangenheit, in der man abwinkend behaupten konnte, man habe von alledem nichts gewusst, von den Privilegien, der humanitären Krise und der Ignoranz.

Es kostet viel Kraft dieses Bild von einer heilen Welt aufrecht zu erhalten. Eine Welt in der wir gezwungen sind, zu Hause zu bleiben, weil es ja jene Umstände gibt, die uns dazu zwingen. Es ist hier in Deutschland eine Welt voller Privilegien. Wir haben fast alle einen Ort, den wir zu Hause nennen können, ein Einkommen, offene Supermärkte und Schulen, die das Abitur durchpressen. Die Politik diskutiert in dieser Woche darüber, wie es für die Autobranche weitergehen wird. Wird es eine neue „Umweltprämie“ und damit einen Anreiz für den Kauf von Klima unfreundlichen Autos mit Verbrennungsmotoren geben oder bekommen die Autohersteller vielleicht direkt Subventionen? Auch, wie es sich weiter mit dem Kontaktverbot und den Hygienemaßnahmen verhält, wird sich in den kommenden Tagen in den Bund-Länder Konferenzen zeigen. Die Bundesliga steht währenddessen weiter vor der großen Frage, ob sie dem Druck stand hält oder sich den Lobbyisten beugt und die Saison weiterführt. Denn bei der Liga hängt schließlich viel dran und da kann man sicherlich mal ein Auge zu drücken oder beim spielen die Luft anhalten. Hauptsache das Geld fließt. Die alten weißen Politiker*innen sprechen sich auf jeden Fall dafür aus. Was wäre auch eine Welt ohne Fußball, nicht auszuhalten.

Und dann gibt es da noch das Bild einer anderen Welt. Dieser Teil der Welt ist weit weg und befindet sich in einer humanitären Krise. Mehrere Tausend geflüchtete Menschen befinden sich in sogenannten Transit Camps auf den griechischen Inseln Lesbos, Chios, Samos, Leros und Kos. Diese Lager sind Übergangsunterkünfte und für eine kurze Zeit für eine Maximalzahl an Menschen angedacht. Seitdem der türkische Präsident Erdogan am 01.03.2020 erklärte, dass die türkischen Grenzen zur EU hin für die Geflüchteten geöffnet sind, strömen die Menschen nach Europa. Genauer gesagt auf die griechischen Inseln. Erdogan berief sich auf das EU-Türkei Abkommen aus dem Jahr 2016. Die Europäische Union und die Türkei hatten darin vereinbart, dass die Türkei die Grenzen für die Menschen auf der Flucht schließt und diese nicht nach Europa einwandern können. Im Gegenzug sicherte die EU Zahlungen in Höhe von 6 Milliarden Euro zu. Laut dem türkischen Präsidenten, wurde jedoch weniger gezahlt und somit kam es nach mehrfachem Drohen u.a. zur Öffnung der Grenzen und zum Bruch des Abkommens. Die Türkei hat laut UNHCR-Report im Jahr 2018 3,7 Millionen Geflüchtete aufgenommen und ist damit das Land, das weltweit am meisten Menschen aufgenommen hat. Tausende Menschen wollen nun durch oder aus der Türkei und weiter in die EU flüchten, um Asyl zu bekommen. Über Schlepper kommen die meisten Menschen auf die griechischen Inseln. Viele sterben bei dem Versuch und ertrinken oder begehen Suizid, weil sie die Situation nicht mehr aushalten.

Dicht an dicht. Foto: Jörn Neumann

Es ist eine Welt voller Ängste, Trauer, Zweifel und vor allem mit schlechten Hygienebedingungen und kaum medizinischer Versorgung, weil es diese schlichtweg nicht gibt. Das Wasser wird in den Camps meist nur einmal am Tag angestellt und der Platz ist knapp. Im Camp Moria auf Lesbos sollten maximal 4000 Menschen auf Zeit ein zu Hause finden. An diesem Ort leben nun mehr als 20.000 Menschen auf engstem Raum, hoffen auf eine schnelle Lösung und darauf, dass der Virus nicht in das Lager kommt. Auch in den anderen Lagern sind mehr Menschen als Platz. Insgesamt leben auf den Inseln nun 40.000 statt angedachten 6.000 Asylsuchende. Deutschland konnte sich bislang dazu erbarmen, 47 unbegleitete Kinder aufzunehmen. Die anderen EU Länder halten sich gerade mindestens genauso peinlich zurück und nehmen entweder keine oder noch weniger Menschen auf. Bundesinnenminister Seehofer sagte, es wäre das „Ergebnis monatelanger Vorbereitungen“ gewesen. Fragt sich nur, was dort vorbereitet werden musste. Vielleicht sein mentaler Zustand. Es bleibt zu hoffen, dass bald weitere Menschen aus den Camps kommen und Asyl finden. Auf der Welt gibt es schließlich genug Platz. Woran es gerade mangelt, sind die Humanität und die Solidarität. Denn wer den Grenzübergang gefährlicher und schwieriger gestaltet als die Flucht, der will anscheinend keine Menschen aufnehmen.

Wir sind hier in einer privilegierten Situation und betrachten das alles aus der Ferne. Spenden und Petitionen können die Menschen vor Ort aktuell unterstützen. Auch öffentlicher Druck in sozialen Medien, Briefe an das Innenministerium und an Bundestagsabgeordnete können eine schnelle Hilfe vorantreiben. Noch ist Corona in den Camps nicht angekommen. Es muss gehandelt werden. Es darf nicht geschwiegen werden.

Über den*die Autor*in
Denise Kaufmann

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.