Ein Fall von AngstLesedauer ca. 3 Minuten

© Jacob Walti auf Unsplash

Wie an jedem Wochenende begab ich mich zum Schnorcheln an den nahegelegenen See. Das Wasser war kristallklar, fast zehn Meter tief und bot eine kunterbunte Farbpracht, sobald sich die Sonne darüber ergötzte. Nachdem ich meine Unterwassertour abgeschlossen hatte, legte ich mich in die Sonne und spazierte den Strand entlang. Bis hierhin verlief der Tag wie üblich, dann fand ich die Fußspuren im Sand. Normalerweise war ich hier um diese Zeit alleine, was mich verwunderte.

Auf dem Rückweg zu meiner Badestelle erspähte ich im Wasser eine Person. Ich dachte mir nichts weiter und ließ mich von der Wärme streicheln. Umso näher ich kam, desto auffälliger waren die Bewegungen des Unbekannten. Er wedelte mit den Armen, der Kopf stuckte alle paar Sekunden unter Wasser. Da fiel es mir erst auf. Jemand drohte zu ertrinken. Wie ausgewechselt rannte ich schlagartig in den See. Mein Hut trieb vom Winde verweht davon, die Schlappen versanken. Ich ergriff den jungen Mann und zog ihn mit. Für einen Sekundenbruchteil zuckte ich zusammen. Eine Hand packte mich am Bein, obwohl ich niemand anderen sah. Kurz verweilten wir an der Stelle, ehe ich mich besann. Trotz der Rettungsaktion lief mir ein kalter Schauer über den Rücken. Ich schwamm weiter und schleppte ihn ans Ufer. „Warst du alleine?“, fragte ich vorsichtshalber. Der Mann entgegnete mir ein kaum hörbares Nein, gefolgt von Wasser, dass ihm aus dem Mund floss. Dennoch kraulte ich zur Stelle zurück und sollte meine Entscheidung bereuen.

Am Grund der Lage, wo ich die Hand spürte, da sah ich sie, eine Leiche. Ihre Augen waren offen, sie starrte mich mit ihrer schwarzen Iris an. Ich bekam am ganzen Körper Gänsehaut, war unfähig mich zu bewegen und schrie auf. Noch nie überkam mich solch eine tiefgreifende Angst. Das konnte nicht real sein, es war ein Hirngespinst, redete ich mir ein. Trotz der Furcht bannte eine unbekannte Macht meinen Blick zum Grund des Sees. Mir fiel die Gesichtstätowierung auf, die gleiche trug der fremde Mann. Selbst die Haarfarbe stimmte überein. Blinzelte die Leiche? Als sich der linke Arm nach oben hob, löste sich meine Angststarre explosionsartig auf. Wie wild schwamm ich ans Ufer. Der Sand war trocken, die Person weg.

Ich habe ihn doch aus dem Wasser gerettet. Er lag genau hier, aber da war nichts außer Sand. Die einzige Spur im feinen Gestein kam von mir. Ich konnte nicht aufhören daran zu denken. Mein Körper war von solch einer Panik gepackt worden. In intensiven Impulsen schoss ein Schauer durch jede Zelle meines Seins. Wie ein Kind versteckte ich mich unter der Stranddecke. Minutenlang verweilte ich darunter, zitterte, wurde von den Bildern in meinem Kopf gnadenlos gequält. Es war stickig, Sandkörner klebten an meinen Lippen. Ich sang in Gedanken Lieder, die mich ablenken sollten. Dann fiel es mir wieder ein. Gestern bekam ich einen Krampf und ertrank an dieser Stelle. Ich war die Person am Grund.

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Fabian Piehl

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