15 Jahre kein Vergeben! 15 Jahre kein Vergessen!Lesedauer ca. 6 Minuten

Über 15 Jahre ist es nun her als der vor dem Bürgerkrieg in Sierra Leone geflohene Oury Jalloh in einer Dessauer Gewahrsamszelle verbrannte.

Am 07.01.2005 ereignete sich dieses tragische Geschehnis: Oury Jalloh wurde von mehreren Polizist*innen festgenommen, weil er sich der Identifikation verweigert haben soll. Er wurde in eine Gewahrsamszelle auf einem Dessauer Polizeirevier verfrachtet und dort von einem Arzt untersucht. Dieser soll einen Blutalkoholwert von 3 Promille sowie THC und Kokain nachgewiesen haben. Oury soll versucht haben, sich selbst zu verletzen, deshalb ordnete der Arzt eine Fixierung der Hände und Füße an. Knochenbrüche oder andere Verletzungen stellte der Arzt während der Untersuchung nicht fest. Wenige Stunden später soll es Oury, fixiert an Händen und Füßen, geschafft haben, ein Feuerzeug aus seiner Tasche hervorzuholen, die feuerfeste Matratze auf der er lag zu beschädigen und das Innenleben der Matratze anzuzünden. Das Feuer wurde erst festgestellt als Oury schon bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war – so die Darstellung der Dessauer Polizei.

Was genau nun dazu geführt hat, dass Oury Jalloh, in einer gefliesten Zelle, fixiert an Armen und Beinen, liegend auf einer feuerfesten Matratze, mit einem Feuerzeug welches weder bei der Festnahme noch bei der ersten Untersuchung des Tatortes gefunden wurde, verbrannt ist, werden wir möglicherweise nie erfahren. Das liegt auch daran, dass die Ermittlungen zu diesem Fall seit November 2017 wiedereinmal eingestellt sind.

Der Fall „Oury Jalloh“ ist seit dem ersten Tag umstritten und widersprüchlich. So gab es eine belastende Aussage durch eine Polizistin gegen den damaligen Dienstgruppenleiter, welche später wieder zurückgenommen wurde. Die Polizistin sagte aus, dass die Brandmeldeanlage seit einer Reparatur im Jahr 2004 fehlerfrei funktionierte, der damalige Dienstgruppenleiter behauptete das Gegenteil. Auch woher das Feuerzeug stammt, mit dem sich Oury angezündet haben soll, dessen Spuren nicht mit denen des Tatortes übereinstimmten, bleibt unklar. Ebenfalls wird es ein Rätsel bleiben, warum der untersuchende Arzt bei Oury keine Knochenbrüche festgestellt hat, welche durch spätere Obduktionen und radiologische Untersuchungen des Leichnams nachgewiesen wurden.

Die Vermutungen zu diesem Fall legen einen institutionell-rassistisch motivierten Verdeckungsmord nahe! Dennoch stellte das Landgericht Dessau-Roßlau den ersten Prozess im Dezember 2008 ein und sprach die zwei Angeklagten, den damaligen Dienstgruppenleiter sowie seinen Kollegen, frei. Erst durch die im Januar 2010 erhobene Revision vor dem Landgericht Magdeburg, konnte der Angeklagte Dienstgruppenleiter wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe in Höhe von 10.800€ (!) verurteilt werden.

Oury Jalloh war im Übrigen nicht der erste Todesfall in der Zelle 5 im Dessauer Polizeirevier. Im Zuge des Verfahrens machte die „Initiative Oury Jalloh“ bekannt, dass Mario Bichtemann im Jahr 2002 in der gleichen Zelle tot aufgefunden wurde, er erlag einem Schädelbasisbruch. Der zuständige Dienstgruppenleiter war auch der, der sich wegen fahrlässiger Tötung an Oury verantworten musste. Der Fall „Mario Bichtemann“ wurde nie vor einem Gericht verhandelt!

Generell ist es alleinig der hartnäckigen Arbeit der Initiative Oury Jalloh zu verdanken, dass überhaupt in dem Fall Oury Jalloh ermittelt wurde. Nur durch die Beständigkeit der Initiative und den vielen Brandgutachten sowie Untersuchungen, die sie veranlassten, erreichte der Fall Oury Jalloh seine traurige Berühmtheit.

Der für die Ermittlungen zuständige Brandgutachter bekam lediglich die Anweisung, den Fall so zu rekonstruieren, als hätte sich Oury selbst angezündet. Er sagte aus, dass die Umstände den Zustand des Leichnams nicht erklären könnten. Eine sich auf die Hinweise des Brandgutachters stützende Beschwerde vor dem Magdeburger Landgericht, mit der Forderung nach einem neuen Brandgutachten, wurde zurückgewiesen. Die Initiative veranlasste daraufhin ein eigenes Gutachten, welches zu dem Ergebnis kam, dass die Intensität und das Ausmaß des Feuers, sowie die Verkohlung bis in tiefe Hautschichten darauf hindeute, dass der Einsatz eines Brandbeschleunigers möglich gewesen wäre. Das würde auch erklären, warum bei Ourys Obduktion Cyanide und Blausäure am Leichnam festgestellt wurden, welche beim Einsatz von Benzin oder Grillanzünder entstehen.

Dieses Gutachten, welches die Initiative 2013 veranlasste, führte dazu, dass sie mit diesen neuen Erkenntnissen eine Anzeige gegen Unbekannt wegen Mordes stellen konnten. Die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau nahm daraufhin im April 2014 die Ermittlungen wieder auf. Weitere veranlasste Gutachten seitens der Staatsanwaltschaft, welche zum Teil unter völlig anderen Umständen durchgeführt wurden, kamen allerdings zum selben Ergebnis.
Anfang 2017 wurde dann bekannt, dass der Oberstaatsanwalt Folker Bittmann davon ausgehe, dass Dessauer Polizisten an dem Mord von Oury Jalloh beteiligt waren, auch das ARD Magazin „Monitor“ berichtete 2017 darüber. Monitor bekam Einsicht in die Akten der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau. Aus den Akten ging hervor, dass der Tod Ourys durch Fremdeinwirken wahrscheinlicher sei als durch Selbstentzündung. Kurz nachdem die Annahmen des Oberstaatsanwaltes bekannt wurden, entzog jedoch die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg den Fall und übergab ihn an die Staatsanwaltschaft Halle (Saale), diese stellte die Ermittlungen im Juni 2017 wieder ein.

Die Initiative gab zuletzt ein forensisches Gutachten in Auftrag, dieses brachte völlig neue Untersuchungsergebnisse zum Tod Ourys. So ist sich der Radiologie-Professor Boris Bodell der Universitätsklinik Frankfurt sicher, dass sich Oury den Schädelbasisbruch sowie den Nasenbeinbruch und eine gebrochene Rippe nicht selbst zugefügt haben kann und die Verletzungen noch vor seinem Tod entstanden sein müssen. Diese neuen forensisch attestierten Verletzungen sind von besonderer Bedeutung, da bisher bei keiner Gerichtsverhandlung diese Verletzungen offiziell festgestellt wurden. Dieses Gutachten vom Oktober 2019 gibt nun neue Anhaltspunkte und Motive darüber, warum in der Zelle von Oury ein Feuer ausbrach.

Aufklärung statt Vertuschung – das ist weiterhin die Forderung der Initiative „Gedenken an Oury Jalloh“. Weiter wird die Initiative kämpfen und Druck auf die Staatsanwaltschaften ausüben, so beugt die jährlich am 07.01. stattfindende durch die Initiative organisierte Gedenk-Demonstration in Dessau dem Vergessen vor. Es fanden sich auch dieses Jahr wieder um die 650 Menschen in Dessau ein, um Oury Jalloh und den vielen anderen, durch Polizeigewalt getöteten Menschen zu gedenken. Unter dem Motto „Break the Silence“ veröffentlichten die Organisator*innen die vielen Namen, auf die sie durch die bundesweite Vernetzung und Recherche gestoßen sind. So skandierten sie jene Namen durch die Dessauer Innenstadt mit dem Zusatz „Das war Mord!“.

Über den*die Autor*in
Marco Stelter
Redakteur -

Marco ist Redakteur der KoZ und seit der ersten Stunde Feuer und Flamme für dieses Projekt.

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