Stoppt die Repression des türkischen Staates! Freiheit für Grup Yorum!Lesedauer ca. 5 Minuten

Nach 288 Tagen ist die Künstlerin und Aktivistin Helin Bölek, während ihres letzten Kampfes gegen den Erdogan-Faschismus, durch das so genannte Todesfasten verstorben. Ihr Bandkollege, Ibrahim Gökcek, führt den Kampf fort und trägt ihre Forderungen weiter in die Welt.

Helin Bölek – zu ihren Lebzeiten – und Ibrahim Gökcek,sind beide Mitglieder der türkischen Band Grup Yorum. Bekannt ist die Band für ihre politischen und sozialkritischen Liedtexte und deshalb der andauernden Repression des türkischen Staates ausgesetzt. Seit 35 Jahren nun besteht Grup Yorum und ist somit älter als die am 03.04.2020 verstorbene Helin Bölek, welche nur 28 Jahre alt wurde. Zeit ihres Lebens wurde Helin Zeugin der Ungerechtigkeiten des türkischen Staates gegen linke Aktivistinnen, Künstlerinnen und der Band. Das führte vermutlich dazu, dass Helin eine der lautesten und präsentesten Stimmen der Band wurde.

Grup Yorum gründete sich 1985, ihre Mitglieder kamen damals aus Teilen der radikalen Linken, welche durch die andauernden sozialen Kämpfe Ende der 70er Jahre in der Türkei und durch den Militärputsch im September 1980 stark gelitten haben. Seit dem Bestehen der Band setzt sie sich stets für soziale Gerechtigkeit, Arbeitskämpfe und den Gefängniswiderstand ein. Zudem positioniert sie sich als Stimme des Volkes. Ihre Lieder singt die Band auf Arabisch, Kurdisch und Türkisch.

Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu Auseinandersetzungen und Festnahmen bei Konzerten der Band sowie zu Ermittlungen gegen die Mitglieder. Zudem gibt es seit über fünf Jahren in der Türkei ein Auftrittsverbot der Band, welches zuletzt auch im November 2019 in Köln durchgesetzt werden sollte. Die Band jedoch ließ sich nicht klein kriegen und spielte ihr Konzert. Nicht wie angekündigt in einem Saal, sondern mobilisierten zu einem illegalen Straßenkonzert. In einer Stellungnahme kritisierte die Band die deutschen Behörden, so hieß es in der Stellungnahme: „Der deutsche Imperialismus hat seine Zusammenarbeit mit dem türkischen Faschismus deutlich gemacht!“

© halkinsesitv1.org

In den 35 Jahren des Bestehens soll es bis zu 400 Verfahren gegen die Band gegeben haben. Schon mehrfach wurden die Künstler*innen inhaftiert und verfolgt, allein in den letzten zwei Jahren sollen 11 Mitglieder der Band inhaftiert worden sein, sechs von ihnen befinden sich noch in türkischen Knästen. So wurden zuletzt auch Helin und Ibrahim bei einer Razzia des Idil-Kulturzentrum in Istanbul im Februar 2019 festgenommen. Vorgeworfen wird ihnen, seit dem Militärputsch 2016, die Mitgliedschaft in der revolutionären Volksbefreiungspartei-/Front (DHKP-C), welche in der Türkei sowie in Europa als terroristische Organisation gilt und somit Verboten ist. Damals wurden Listen mit den Namen vieler Kunstschaffender in der Türkei veröffentlicht und ein „Kopfgeld“ auf sie ausgesetzt. Um sich gegen die Inhaftierung und die haltlosen Vorwürfe zu wehren, gingen Helin und Ibrahim in den Hungerstreik. Helin zählte die Forderungen auf, die die Beiden mit ihrem Protest durchsetzen wollten: „Erstens, die Aufhebung des seit vier Jahren gegen uns verhängten Auftrittsverbots. Zweitens, ein Ende der Polizeirazzien gegen unser Kulturzentrum. Drittens, Freilassung aller eingesperrten Mitglieder von Grup Yorum. Viertens, Einstellung der Gerichtsverfahren gegen uns und Aufhebung der Haftbefehle.“

Diese Form des gewaltlosen Widerstandskampfes hat in der kurdisch/türkischen Linken ein lange Tradition. Oft beginnt das Todesfasten in einem Hungerstreik. Der Unterschied liegt darin, dass während eines Hungerstreikes, die Streikenden sich mit essenziellen und nötigen Vitaminen und Nährstoffen in Form von Säften oder Präparaten versorgen. Diese Versorgung stellt sicher, dass das Gehirn erst nach langer Zeit der Nahrungsverweigerung irreparable Schäden nimmt. Während bei der radikaleren Form des Hungerstreiks auf die Substitution verzichtet und nur Wasser zu sich genommen wird, was deshalb nach wenigen Monaten zum Tode führt. Bekannt ist diese Form des Kampfes besonders durch den türkischen Gefängniswiderstand. Regelmäßig, seit den 80er Jahren, erkämpften so politische Gefangene ihre rechte. Gerade dann wenn es zu einer großen Ohnmacht gegen die Übermächtigkeit des Staates unter den Protestierenden kommt, wird der eigene Körper oft als Waffe – als letztes Mittel – gesehen. In einigen kulturellen Räumen ist diese Form des Widerstands sehr umstritten, jedoch stellt dieses Mittel oft eine letzte Möglichkeit der Selbstermächtigung für die Protestierenden dar.

Beide wurden im November 2019 und Februar 2020 aus der Haft entlassen, jedoch ist der türkische Staat bisher nicht auf ihre Forderungen eingegangen, doch die beiden blieben unbeugsam und kämpften für ihre Forderungen weiter und gingen vom Hungerstreik in das Todesfasten über. So erlag Helin am 03.04 den Folgen des Todesfastens.

Selbst bei ihrer Beisetzung in Istanbul kam es noch zu Auseinandersetzungen und Festnahmen, sogar Wasserwerfer wurden gegen die trauernde Gemeinde eingesetzt. Ibrahim Gökcek sagte zur Beerdigung von Helin: „gewonnen habe nicht der Staat – gewinnen werde das Volk.“

Klar ist: Wenn der Druck sich nicht bald erhöht und die türkische Regierung reagiert wird auch Ibrahim sterben.

Über den*die Autor*in
Marco Stelter
Redakteur -

Marco ist Redakteur der KoZ und seit der ersten Stunde Feuer und Flamme für dieses Projekt.

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